#stayathome - und wie mein Chor VOCAMUS trotzdem singt!

Aus dem Leben einer "Quarantäne-Chorleiterin"

Montag, 9. März

Die Notenmappen sind vorbereitet, der Probeplan für die erste Probe für das nächste Projekt „Exsultate, jubilate” mit meinem Chor VOCAMUS am 16. März steht!

JUHU – es kann losgehen!!! 😊


Donnerstag, 12. März

Alles anders!

Schweren Herzens entschließe ich mich auf Grund der neuesten Corona-Entwicklungen dazu, unsere Probenarbeit vorerst auf Eis zu legen…


Sonntag, 15. März

Langsam sickert es, dass „das alles” wohl länger dauern wird…
Um 18:00 treffen wir uns mit unseren Nachbarn auf Balkonien. Unser Nachbar Bernd hat extra seine Altblockflöte entstaubt und flötet wunderschön die „Ode an die Freude” von seiner Terrasse.
Nun packt auch uns der Mut. Mein Partner Roman schnappt seine Gitarre und wir beschallen mit „We are the world” und „Bridge over troubled water” inbrünstigst unseren Innenhof.

Wieder einmal wird mir die verbindende, Hoffnung und Trost spendende Kraft der Musik bewusst. Und wie schön es ist, wenn man so liebe Menschen als Nachbarn hat.

#stayathome #savelives


Montag, 16. März

Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht starte ich mit einem melancholischen Gefühl in den Tag, denn heute wäre der Probenstart für unser Chorprojekt gewesen…
Beim Abwaschen habe ich eine Idee (die besten Ideen kommen mir seltsamerweise immer bei der Hausarbeit 😉):
Es müsste doch möglich sein, als Chor gemeinsam zu singen, obwohl man getrennt ist? Wenn jeder seine Stimme aufnimmt, könnte man die Einzelstimmen doch, moderner Technik sei Dank, zu einem Gesamtklang zusammenfassen?

Ein schöner Gedanke: wir sind zwar getrennt und doch im Chorklang vereint.

Fragen tauchen auf:
Welches Lied?
Wie schwer?
Passt der Text?
Und wie kann man das rechtlich lösen, wenn man das Lied auf YouTube stellen möchte?

Von diversen Kärntner Liedern muss ich mich aus rechtlichen Gründen leider gleich wieder verabschieden.
Gedanklich bleibe ich bei einem der bekanntesten deutschsprachigen Volkslieder hängen: „Kein schöner Land in dieser Zeit”.
Text: passt sehr gut
Komponist: länger als 70 Jahre verstorben
Chorsatz: Könnte ich doch einfach selbst einen schreiben?

Um 18:00 treffen wir uns auch heute wieder mit unseren Nachbarn auf Balkonien – wir prosten uns lächelnd aus der Ferne zu, und es kommt bereits ein „Ritualgefühl” auf. Bernd hat diesmal wieder ein Lied vorbereitet und auf seiner Flöte extra dafür das „fis” eingeübt. Er nimmt seine Flöte und spielt…. „Kein schöner Land”!!
-das kann doch kein Zufall sein, oder???


Dienstag, 17. März

Die Idee lässt mich nicht mehr los!
Ich schmeiße mich euphorisch an den Schreibtisch und suche im Netz nach Chorsätzen zu „Kein schöner Land”. Auf CPDL, einer sehr nützlichen Plattform mit Chornoten zur gemeinfreien Verwendung, werde ich zu meiner Freude sogleich fündig!

Ich spiele mir den Chorsatz von meinem deutschen Kollegen Burkhart Schürmann am Klavier durch und gelange zur Erkenntnis: sehr gelungen und perfekt geeignet für meinen Bedarf. Einen kleinen textlichen „Schönheitsfehler” erlaube ich mir dann dennoch auszubessern… denn: im 19. Jahrhundert war wohl das Gendern noch nicht so en vogue! 😉 (Ich hoffe, der Schöpfer von Text & Melodie, Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, verzeiht´s mir!)

Als nächstes überlege ich mir, wie ich das Ganze technisch realisieren könnte.
Wichtig erscheint mir, dass meine SängerInnen die Möglichkeit haben sollen, ihre Stimme einzeln anhören, durchsingen und einüben zu können. Eine Herausforderung könnte in weiterer Folge das Tempo darstellen – wie kann es gelingen, dass alle ungefähr gleichzeitig singen? Dies ist der Moment, wo einem als ChorleiterIn freudig bewusst wird, wie wichtig man eigentlich da vorne ist! 😊

Ich entschließe mich dazu, die Sache einfach auszuprobieren – nach dem Motto: „trial and error” - und zum Start einmal die Sopranstimme aufzunehmen. Dafür nutze ich das Diktiergerät meines Handys. In weiterer Folge leihe ich mir Romans Handy, um mir meine Sopranstimme mit Kopfhörern anzuhören und die drei anderen Stimmen, wiederum mit dem Diktiergerät meines Handys, zur Sopranstimme dazu aufzunehmen – Ziel: gleiches Tempo, gleiche Phrasierung, „gemeinsames” Atmen, gleiche Aussprache.
In etwa einer halben Stunde ist ohne allzu großes Tamtam und ohne allzu großen Perfektionsanspruch alles im Kasten. Nur die Bassstimme hunzt mich ein bisschen – Chromatik zu singen ist man als Sopran einfach nicht gewohnt. 😉


Mittwoch, 18. März

Heute eröffnen Roman und ich am Ragger/Schacherl´schen Schreibtisch unser „Heim-Tonstudio”. Im Programm Audacity (kostenlos und sehr empfehlenswert!) fügen wir meine vier Chorstimmen ein, schneiden sie zu und fügen sie zu einer gemeinsamen Datei zusammen.
Mich selbst im „Marina-Chor” vierstimmig singen zu hören ist zugegebenermaßen schon irgendwie faszinierend…

Marina-Chor

Am Abend verfasse ich das Mail an meinen Chor VOCAMUS mit der herzlichen Einladung, Teil des Experimentes zu werden, und bin seeehr gespannt:
Wird sich überhaupt jemand zurückmelden?
Wird das in der Umsetzung alles so funktionieren, wie ich es mir gedanklich vorstelle?

Zur Motivation schicke ich meinen SängerInnen noch ein singendes Selfie mit.

Nach kurzer Zeit trifft bereits die erste Sopran-Stimme ein. Ich freue mich irrsinnig, die Stimme meiner Freundin Renate zu hören, und denke mir insgeheim: das wird gut!


Sonntag, 22. März

Gestern um 24:00 war „Einsendeschluss”.
Heute ist es an der Zeit, die eingetrudelten Einzelstimmen – und es sind ganz schön viele – zu einem Chor zusammenzufassen. Auch hierfür ist „Audacity” sehr gut geeignet.
Die Vorgangsweise ist folgende:

  • Zuerst alle Sopranstimmen einfügen und homogenisieren
  • Dann alle Altstimmen einfügen usw.

Bei allzu groben Schnitzern was die Tonhöhe oder den Rhythmus betrifft, gibt es im Programm „Audacity” die Möglichkeit, die jeweilige Einzelstimme für eine kurze Passage auszublenden.

Nach ca. drei Stunden ist das Audio fertig und aus unserer Bose-Box erklingt trotz Zwangsquarantäne mein Chor VOCAMUS. Da und dort muss ich zwar musikalisch ein Auge zudrücken, und dennoch: ich bin überglücklich über das Output und finde es berührend.

„Wir singen gemeinsam, obwohl wir getrennt sind.”


Mittwoch, 23. März

Roman und ich nutzen nach dem mittlerweile obligaten 18:00-Nachbarn-Treff-mit-einem-oder-zwei-Gläschen-auf-Balkonien den Feierabend, um „Kein schöner Land” zu finalisieren und in ein Video „zu gießen”.
Dazu beschließen wir folgende Arbeitsteilung:
Ich suche im Internet nach thematisch passenden Bildern zu den einzelnen Liedstrophen. Auf der Seite Pixabay stehen mir jede Menge ansprechender Fotos lizenzfrei zur Verfügung, ich gebe in der Suchfunktion meine Stichwörter ein und habe die Qual der Wahl…

Währenddessen öffnet Roman sein Videoschnittprogramm Adobe Premiere Pro und kombiniert unser fertiges Audio mit den von mir ausgewählten Bildern.

Nur noch die Texte für den Vorspann und den Abspann des Videos finalisieren, das VOCAMUS-Logo einfügen – und nach etwa drei Stunden Arbeit ist unser Video spätabends fix und fertig.
Wir übrigens auch! 😉


Donnerstag, 24. März

Finale!!!
Ich lade unser frischgebackenes Video auf den VOCAMUS-YouTube-Kanal hoch und verlinke das Video auf unserer Facebook-Seite.

Innerhalb kurzer Zeit erreichen mich viele schöne Rückmeldungen von Freunden und Bekannten. Das Video wird vielfach geliked, geteilt und weiterverschickt – und wir senden damit drei Minuten lang hoffnungsfrohe Chormusik hinaus in die Welt!

“Wir singen gemeinsam, obwohl wir getrennt sind” - Link zum YouTube-Video


Glückliches Fazit einer „Quarantäne-Chorleiterin”

Mit Kreativität und Mut zum Ausprobieren lässt sich auch die probenfreie Zeit gut überbrücken. Es ist zwar alles anders als normal, aber anders kann auch spannend, inspirierend und gut sein!

Einige KollegInnen haben mich kontaktiert und nachgefragt, wie ich das Video technisch realisiert habe. Dieser Blogpost ist eine Reaktion auf diese Anfragen – und ich möchte allen Interessierten damit einen persönlichen Einblick bieten – von der allerersten Idee bis zur sängerischen Ausführung und Veröffentlichung auf YouTube.

Für alle ChorleiterInnen, die die Idee gut finden und Ähnliches im Schilde führen, habe ich eine Liste mit nützlichen Links zusammengestellt. Nachmachen ist ausdrücklich erwünscht. Viel Spaß! 😊

Ich freue mich über Rückmeldungen/einen Ideenaustausch/Diskussionen/Fragen per E-Mail (mail@marinaragger.at).


Noten

  • CPDL - Plattform mit Chornoten zur gemeinfreien Verwendung

Audio/Video

  • Audacity - „Tonstudio” für zuhause (relativ leicht zu bedienen und sogar gratis)
  • Adobe Premiere Pro - professionelles Videoschnittprogramm (kurzzeitig kostenlose Testversion)

Fotos

  • Pixabay - lizenzfreie Bilder zum gratis-Download

Kein schöner Land

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